"Was wird aus ihm, wenn ich sterbe?"

Joel sitzt neben seiner Mutter auf einer Bambusbank.
Joel's Mutter macht sich Sorgen, was aus ihrem Sohn (links) werden soll. © CBM
Bei der Rehabilitierung von psychiatrisch Erkrankten ist die Unterstützung durch deren Familien entscheidend. Die Mutter von Joel Balahar (36), eine Großcousine von Ronaldo, sorgt sich um die Zukunft ihres Sohnes und würde alles für ihn tun. "Was wird aus ihm, wenn ich sterbe?", fragt die kräftige alte Frau und bedeckt ihr Gesicht mit den Händen, um ihre Tränen zu verbergen. Joel sitzt neben ihr auf einer Bambusbank, schaut auf seine Hände hinunter und streicht sich über seine kräftigen Arme. Früher hat er seiner Familie bei der Feldarbeit geholfen. Vor kurzem konnte er sich jedoch nicht mehr darauf konzentrieren und spielte mit der Erde, anstatt sie zu bestellen. Auch fing Joel an, mit sich selbst zu reden und konnte nachts nicht mehr schlafen.

Seit Februar 2006 hat sich jedoch einiges geändert: Seitdem er antipsychotische Medikamente erhält, kann er sich besser konzentrieren, ist besonnener und aufnahmefähiger. "Er wäre ein Kandidat für die von uns geplanten Maßnahmen zur Erlangung von Erwerbsfähigkeit," bemerkt Bruder Roldan, der mit seiner Bruderschaft plant, den Patienten in speziellen Programmen zu selbständigem Broterwerb zu verhelfen - z.B. durch die Verarbeitung von Kokosfasern zu vermarktungsfähigen Produkten. Würde Joel wirtschaftlich unabhängig, hätte seine Mutter zumindest eine Sorge weniger.

Psychiatrische Versorgung in der Gemeinde

Gemeindenahe psychiatrische Arbeit unterscheidet sich von zentrumsbezogenen Ansätzen wesentlich u.a. durch die Befähigung von Familienmitgliedern psychiatrisch Erkrankter, durch die Aktivierung der Gemeinde, in welcher die Patienten leben, sowie durch die kosteneffektive Förderung psychiatrischer Patienten mittels alternativer Behandlungsmethoden. Wenn anwendbar und angemessen wird von zentrumsbezogener Betreuung – bis auf einige Ausnahmen – abgeraten; freiheitsberaubendes Wegsperren wird definitiv nicht empfohlen.

Das Ziel eines gemeindenahen Programms besteht in der Reintegration des psychiatrischen Patienten in seine Gemeinschaft, wobei erwartet wird, dass er am normalen Alltag teilnimmt und Möglichkeiten zu einem seinen Fähigkeiten angemessenen Broterwerb ergreift. Bei Bedarf wird er dabei nach wie vor vom psychiatrischen Dienst unterstützt. In Salvacion wird das gemeinsame Bestreben, Menschen mit psychiatrischen Störungen zu rehabilitieren, durch den Pfarrbezirk Santo Domingo sowie die Gemeindemitarbeiter unterstützt.

Albay gehört zu den ärmsten Provinzen auf den Philippinen

Für psychiatrisch erkrankte Menschen ist es nicht leicht, Arbeit zu finden – schon gar nicht in Salvacion in der Provinz Albay, einer der ärmsten Regionen der Philippinen. Albay fällt in die Kategorie 3, d.h. dass die Provinz nicht zum Staatshaushalt beiträgt, sondern Hilfsgelder erhält. Dennoch haben sich die Selbsthilfegruppe, der Pfarrbezirk Santo Domingo und die Gemeindemitarbeiter bemüht, für psychiatrisch erkrankte Menschen Möglichkeiten des Broterwerbs zu finden.

Eine Sozialarbeiterin, und Arleen Buenas (26), Feldkoordinatorin, unterrichten ausgewählte Einwohner Salvacions darin, Kokosblätter so zu verweben, dass man sie zum Dachdecken verwenden kann. Später werden sie deren Nachbarn und andere Leute unterrichten und am Ende hoffentlich eine Erwerbsquelle für die Menschen aus Salvacion geschaffen haben.
große Version anzeigen Ein rosafarbenes Zimmer, in dem viele Frauen und Kinder auf Plastikstühlen sitzen.
Die Mütter von Tony und von Joel nehmen hier an einer Eltern-Selbsthilfegruppe teil. Hier erfahren sie, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind und unterstützen sich gegenseitig. © CBM

Armut begünstigt das Entstehen psychischer Krankheiten

Armut fördert die mit psychiatrischen Erkrankungen einhergehenden Probleme, da sie z.B. mit einem Wissensmanko einhergehen kann. Die Menschen in Salvacion - was übrigens Seelenheil bedeutet - wissen nichts über psychiatrische Probleme. Daher stempeln sie Menschen, die sich anders verhalten, als "sonderbar" ab und glauben, dass sie mit einem Fluch belegt oder verhext wurden.

"Psychiatrie ist hier auf den Philippinen etwas Neues. Wenn man nichts zu essen hat, wenn man krank ist und nichts über Medikamente und psychiatrische Störungen weiß, neigt man dazu anzunehmen, dass jemand, der sich seltsam verhält, von bösen Geistern besessen ist," erklärt Bruder Roldan. Deshalb wollen die Selbsthilfegruppen das Verständnis für psychiatrisch erkrankte Menschen in ihren Familien und Gemeinschaften fördern. Ein Teil dieser Strategie besteht darin, Familien- und Gemeindemitglieder zu besonderen Gelegenheiten in das Holy Face Zentrum einzuladen: zum Beispiel anlässlich der Geburtstagsfeier eines Patienten. Auch wird während der Besuche bei Patienten, die bei ihren Familien leben, Aufklärungsarbeit geleistet.

Lesen Sie weiter: Das Holy Face Zentrum bietet 15 psychisch Erkrankten einen Zufluchtsort
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