Was wird aus ihm, wenn ich sterbe?

Rehabilitation von psychiatrisch erkrankten Menschen in Santo Domingo

Ein junger Mann im grünen T-Shirt gestikuliert und blickt lächelnd in die Kamera.
Tony ist manchmal aggressiv. Deshalb hat ihn seine Familie eingesperrt - aus Angst um seine kleinen Nichten und Neffen. Doch die Psychologen und Gemeindehelfer der CBM-Partnerorganisation versuchen, die Familie davon zu überzeugen, dass es besser ist, Tony nicht einzusperren und ihm geeignete Medikamente zu geben. © CBM
Seit 2004 unterstützt die CBM psychiatrisch erkrankte Menschen auf den Philippinen. Eines ihrer Projekte ist das von den Brothers of Charity geleitete Holy Face Rehabilitation Project for Mental Health. Holy Face gilt als Pionierprojekt und ist nach Aussage des CBM-Psychiaters Dr. Istvan Patkai "eines der besten Gesundheitsprojekte Südostasiens" in diesem Bereich. Die Geschichte von Ronaldo, Joel, Tony und Maricris (die Namen wurden zum Schutz von deren Identität geändert) dreht sich um den Bedarf nach Betreuung, Schutz und Verständnis, und um die Gemeinde von Salvacion.

Inselparadies am Fuß des Vulkans Mayon

Kleine Häuser aus natürlichen Materialien unter Kokospalmen, im Hintergrund der perfekte Kegel des Vulkans Mayon - Besucher werden vom blauen Meerwasser und einer phantastischen Kulisse empfangen. Das 100 Haushalte zählende Dorf Salvacion, welches in der Nähe von Tabaco City im Süden der philippinischen Hauptinsel Luzon liegt, könnte ein pazifisches Paradies sein. Doch die Menschen aus der Umgebung nennen es "das seltsame Dorf" – aufgrund der hier lebenden relativ großen Zahl von Menschen mit psychiatrischen Problemen.
große Version anzeigen Ronaldo sitzt auf den Treppenstufen neben seiner Mutter.
Ronaldo (links neben seiner Mutter) ist jetzt in einer besseren Stimmung, seit er die richtigen Medikamente für seine Schizophrenie bekommen hat. Und jetzt trägt er Slipper und ein Hemd und ist nicht mehr so unruhig. © CBM

Ronaldo, 32, hat Schizophrenie - nach 15 Jahren bekommt er erstmals Medikamente

Einer von ihnen ist Ronaldo Balahar, ein 32-jähriger Mann mit jungenhaftem Gesichtsausdruck. Früher lief er immer nackt und schmutzig herum. Doch seit Februar wird Ronaldo einmal pro Monat im Holy Face Zentrum medikamentös behandelt. Das ganze Dorf freut sich nun über die Veränderungen, die in Ronaldos Verhalten zu beobachten sind: "Ronaldo trägt jetzt Sandalen, Shorts und ein Hemd," stellt der Dorfvorsteher fest. Zwar verbringt der schlanke junge Mann immer noch gern seine Zeit damit, Plastikteilchen, Papierschnipsel und kleine Holzstücke zu sammeln, doch streunt er nicht mehr ruhelos herum. Ronaldos Stimmung hat sich stabilisiert, so dass er nun ruhig neben seiner schmalen Mutter auf der Stufe ihrer Unterkunft aus Kokosmaterialien sitzt. Wenn ihn seine Verwandten spielerisch necken, spiegelt sich auf seinem Gesicht der Ausdruck eines kleinen Jungen, dem es sehr gut geht.

Dabei war Ronaldos Zustand über lange Jahre viel schlechter. Im Alter von 15 Jahren entwickelte er Schizophrenie, und es dauerte weitere 15 Jahre, bis Ronaldo endlich die Behandlung bekam, die er benötigte: Erst im letzten Jahr, als er in das Holy Face Zentrum kam, in dem die Psychiaterin Dr. Aimee Nobleza seine Krankheit diagnostizierte. Seitdem erhält Ronaldo einmal pro Monat eine Spritze mit einem antipsychotischen Medikament. Auch werden Ronaldo und 11 weitere Patienten regelmäßig von Freiwilligen aus der Gemeinde besucht.

Selbsthilfegruppen und Beratung der Familien

Der beeinträchtigte Geisteszustand eines an einer psychiatrischen Störung leidenden Erwachsenen oder Kindes bringt für die betroffene Familie meist vielfältige Sorgen und Belastungen mit sich. Deshalb haben die Brothers of Charity für die Eltern von psychiatrisch Erkrankten Familienselbsthilfegruppen eingerichtet. "Diese stellen für die Eltern ein hilfreiches Umfeld dar, da sie andere Betroffene kennen lernen und erfahren, dass sie in ihrer Situation als Betreuer nicht allein sind," erläutert Bruder Roldan (31) aus dem Holy Face Zentrum. Während der regelmäßigen monatlichen Treffen im Zentrum erhalten die Patienten eine psychiatrische Anschlussbehandlung, während der ihre Eltern und sonstigen Familienmitglieder in der häuslichen Versorgung der Patienten unterrichtet werden. In die Selbsthilfegruppe sind sowohl der Gemeindevorstand als auch der für Sozialarbeit zuständige Teil der örtlichen Kirchengemeinde einbezogen.

Die Umsetzung der den Familien und der Gemeinschaft erteilten Ratschläge gelingt nicht immer. So ist der volle Einsatz der CBM-Partnerorganisation vonnöten, um Familien zu erklären und davon zu überzeugen, dass Menschen mit psychiatrischen Problemen adäquat und menschenwürdig behandelt werden müssen. Dies ist bei Tony Balahar, einem Verwandten von Ronaldo, der Fall, der bei der Familie seiner Schwester in einem kleinen gemütlichen Heim mit dunkelgrünen Wänden und einem Spielzeugtelefon im Wohnzimmer lebt.

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Weitere Informationen

Das Holy Face Rehabilitation Project for Mental Health ist eines der CBM-Pilotprojekte im Bereich seelische Gesundheit weltweit. Es erhält seit kurz nach seinem Start im Mai 2004 Förderung und befindet sich in Tabaco City in der Provinz Albay im südlichsten Teil von Luzon – einen 1-stündigen Flug von der Hauptstadt Manila entfernt.

Zurzeit erstreckt sich das Holy Face Projekt auf 15 Gemeinden und 3 Städte der Provinz Albay, wo es im Jahr 2005 etwa 359 Patienten betreute. Perspektivisch soll das Projekt ausgeweitet werden und bis zu 100.000 und mehr Menschen in Albay erreichen. Auch sollen Außenstellen in angrenzenden Gebieten eingerichtet werden, insbesondere dort, wo nicht einmal Zugang zu medizinischer Grundversorgung besteht. Bisher hat das Holy Face Projekt Rehabilitationshelfer des Projektes Simon of Cyrene im Erkennen und Zuweisen von Fällen geistiger Behinderung ausgebildet.

Der CBM-Partner, der das Holy Face Rehabilitation Projekt für Menschen mit psychischen Erkrankungen unterhält, ist der Orden der Brothers of Charity. Der katholische Orden der Frères de la Charité de Gand wurde im Jahre 1807 in Belgien von Canon Joseph Triest gegründet, der damit Pionierarbeit in der Entwicklung moderner psychiatrischer Dienste leistete. Heute ist der Orden in 25 Ländern aktiv.