Der Gesellschaft zeigen, was Menschen mit Behinderungen können!

Interview mit Cyril Siriwardena über die Kampagne Access for All Sri Lanka

große Version anzeigen Ein Mann hält einen Telefonhörer in der Hand und spricht.
Cyril Siriwardena ist Generalsekretär von Disability Organisations Joint Front (DOJF) und Projektmanager für den Bereich Menschenrechte bei der CBM-Partnerorganisation Motivation. Im Telefoninterview erzählt er von den Zielen der Kampagne Access for All, die er maßgeblich gestaltet hat. © CBM
Access for All wurde ins Leben gerufen, unmittelbar nachdem im Dezember 2004 ein Tsunami große Teile von Sri Lankas Küsten verwüstet hatte. Die Kampagne zielt darauf ab, sämtliche in Sri Lanka lebenden Menschen mit Behinderungen und deren Bedürfnisse in die Tsunami-bedingten Hilfs-, Wiederaufbau- und Rehabilitierungsaktivitäten miteinzubeziehen. Cyril Siriwardena, Projektmanager für den Bereich Interessenvertretung beim CBM-Partner Motivation und Generalsekretär der Disability Organisations Joint Front (DOJF), erzählt hier, worum es Access for All geht und was bisher erreicht wurde.

Welche Ziele verfolgt die Kampagne Access For All, die unmittelbar nach der Tsunami-Katastrophe in Sri Lanka angelaufen ist?

Allgemein besteht ihr Ziel darin, die Rechte und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen in die Tsunami-bedingten Rehabilitations- und Wiederaufbauarbeit zu integrieren. Ein besonderer Schwerpunkt wurde hierbei zunächst auf das Thema Barrierefreiheit gelegt. Access for All hat Menschen mit Behinderungen in verschiedenen vom Tsunami betroffenen Regionen postiert, wo sie mit den an Wiederaufbau und Rehabilitation beteiligten Organisationen sprechen, um diesen die Bedürfnisse behinderter Menschen nahe zu bringen.

Warum ist es so wichtig, das Thema Barrierefreiheit in einem so frühen Rehabilitationsstadium einzubringen?

Vor dem Tsunami war die Barrierefreiheit der Gebäude unzureichend. Deshalb hielten wir die nach dem Tsunami aufgenommenen umfangreichen Wiederaufbau- und Rehabilitationsaktivitäten für eine gute Gelegenheit, um von Anfang an Barrierefreiheit zu gewährleisten. Bereits zwei Wochen nach dem Tsunami hat sich das Access-for-All-Komitee mit den zuständigen Leuten getroffen - mit staatlichen Stellen, öffentlichen Einrichtungen sowie nationalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen - und ihnen vermittelt, wie wichtig Barrierefreiheit ist. Seitdem bieten wir Schulungen und Beratung zu diesem Thema an.
Cyril Siriwardena: "1980, d.h. vor 26 Jahren, erlitt ich bei einem Verkehrsunfall eine Rückenmarksverletzung. Seitdem sitze ich im Rollstuhl. Als Luftfahrtelektroniker und Fernmeldetechniker war ich 37 Jahre lang in der Luftwaffe tätig, bis ich 1996 dort ausschied. Im Jahr 1988 nahm ich als ehrenamtlicher Sekretär der Behindertenorganisation Rehab Lanka meine Tätigkeit im Bereich Behinderungen auf. Die Disability Organisations Joint Front (DOJF) begann ihre Arbeit als Dachverband von Behindertenorganisationen im Jahre 2001. Seitdem bin ich deren Generalsekretär. 1989 begann Motivation, in Sri Lanka aktiv zu werden, und im Jahre 2002 wurde ich deren Programmleiter für den Bereich Menschenrechte. Darüber hinaus bin ich Mitglied des National Council for Persons with Disabilities und Vizepräsident der Spinal Injuries Association."
Also wurden alle betroffenen Parteien schon sehr früh integriert?

Ja. Ein weiterer wichtiger Grund hierfür war der, dass viele Menschen in Camps oder provisorischen Unterschlüpfen, meistens Schulen und Tempeln, lebten, wo die Wassersorgung und sanitären Verhältnisse unzureichend waren. Deshalb mussten wir den jeweils zuständigen Personen rasch vermitteln, dass manche Menschen mit Behinderungen spezielle Wasser- und Sanitäreinrichtungen benötigen, die ihren jeweiligen Bedürfnissen bzw. Behinderungen Rechnung tragen. Wir mussten die Betroffenen frühzeitig nach ihren Bedürfnissen fragen und diese den zuständigen Personen vermitteln, damit entsprechende Vorkehrungen getroffen werden konnten.

Ist es sehr schwer, Menschen mit Behinderungen mit Hilfsgütern zu versorgen?

Ja. Sie hatten es schwer, zu den Orten zu gelangen, wo die Hilfsgüter verteilt wurden. Dann hatten sie Probleme damit, sich am Verteilungsprozess zu beteiligen oder benötigten eine speziellere Versorgung. Access for All machte die für die Verteilung zuständigen Personen auf die Menschen aufmerksam, die nicht zu den Verteilstellen kommen konnten, und sorgte dafür, dass diese etwas von den Hilfsgütern abbekamen. Ein Gehörloser kann den Katastrophenhelfern seine Bedürfnisse eben nur über Zeichensprache vermitteln.

Regierungen spielen beim Wiederaufbau eines Landes eine wichtige Rolle. Wie werden Menschen mit Behinderungen im Rahmen der Tsunami-bedingten nationalen Rehabilitationsprogramme in die Gewährleistung von Barrierefreiheit miteinbezogen?

Durch intensive Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den verschiedenen Parteien: Das Sozialministerium und die 18 Mitglieder von Disability Organisations Joint Front (DOJF) verfolgen die Arbeit der Regierung, beraten staatliche Stellen vor Ort und informieren sie über die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen und mögliche Problemlösungen. Auf diese Art und Weise können Menschen mit Behinderungen dem Staat gewisse Vorgaben machen.

Wie gewährleistet Access for All, dass die Regierung diese Informationen erhält? Gibt es regelmäßige Beratungen?

Mitglieder von Access for All sind bei der Behörde vorstellig geworden, die die Regierung im Anschluss an den Tsunami für Wiederaufbau und Rehabilitation einrichtete. Deshalb treffen sich Regierungsvertreter unseres Landes mit Mitarbeitern von Access for All, und gemeinsam vermitteln sie dann den zuständigen Personen, worin die jeweiligen Anforderungen bestehen. Wir treffen uns auch mit den für die Planung und Finanzierung zuständigen Leuten und stellen sicher, dass deren Pläne behinderungstechnische Fragen berücksichtigen.

Welche Rolle spielen die internationalen Nichtregierungsorganisationen – z.B. die CBM - bei der Integrationsförderung im Rahmen der Rehabilitation?

Die CBM-Mitarbeiter gehörten zu den ersten, die auf den Treffen erschienen und eine Arbeitsgemeinschaft für die Kampagne Access for All initiierten. Daneben gibt es Handicap International, John Grooms, Motivation, die Spinal Injury Association und das Gesundheitsministerium.
Die CBM agiert als Finanzgeber und nimmt gemeinsam mit dem Kontakt- und Koordinationsbüro der CBM in Colombo an den Planungstreffen und verschiedenen Aktivitäten teil.
Auch die CBM-Partnerorganisation Navajeevana führt mit Unterstützung der CBM ein Tsunami-Wiederaufbauprojekt in Tangalle durch, das die Zielsetzungen von Access for All, d.h. die Berücksichtigung von Menschen mit Behinderungen und deren Bedürfnissen bei der Tsunami-Wiederaufbau- und -rehabilitationsarbeit, vollständig übernommen hat.

Konnten Sie einen Prozess der Bewusstseinsbildung innerhalb von Hilfsorganisationen feststellen, die beginnen, Belange von Behinderten zu berücksichtigen?

Die in die Wiederaufbau- und Rehabilitationsarbeiten involvierten Organisationen waren dieser Frage gegenüber äußerst aufgeschlossen. Da viele nationale und internationale Nichtregierungsorganisationen beim Wiederaufbau von Gebäuden helfen, treffen wir uns mit ihnen und machen sie mit der Bedeutung von Barrierefreiheit für Behinderte vertraut. So stellen wir sicher, dass die Gebäude für alle zugänglich werden.

Welche Ziele wurden bisher erreicht, und welche Veränderungen haben in der Gesellschaft stattgefunden?

Alle neuen öffentlichen Gebäude müssen barrierefrei sein; dafür gibt es jetzt Vorschriften. Alle nicht-barrierefreien öffentlichen Gebäude müssen innerhalb eines vorgeschriebenen Zeitraums barrierefrei gemacht werden.
Der Begriff Barrierefreiheit hat Eingang in nationales Recht gefunden.

Wie wird es mit Access for All weitergehen?

Nach dem Wiederaufbau werden wir weitermachen, und zwar als Disability Organisations Joint Front, weil es noch so viele Menschen gibt, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind. Zurzeit läuft zum Beispiel eine Medienkampagne, in der wir über die Notwendigkeit von Barrierefreiheit und die Integration von Menschen mit Behinderungen im weitesten Sinne aufklären.

Was wir hier in Sri Lanka zeigen wollen, ist, dass Menschen mit Behinderungen nicht um Almosen bitten, sondern Rechte haben. Wir wollen sicherstellen, dass es ein Recht auf Arbeit gibt und dass dieses auch zur Anwendung kommt. Deshalb konzentrieren wir uns auf den Bereich Interessenvertretung und treten für Chancengleichheit ein. Wir wollen arbeiten, unseren Lebensunterhalt verdienen und das Recht haben, Schulen zu besuchen. Wir wollen nicht von irgendjemandes Barmherzigkeit abhängig sein. Deshalb nehmen wir jetzt den menschenrechtlichen Ansatz in Angriff.

Wir wollen Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft integrieren und dieser zeigen, was Menschen mit Behinderungen alles zu Wege bringen, und dass sie zur Entwicklung des Landes beitragen können.

Herr Siriwardena, wir danken Ihnen sehr für Ihre Arbeit und dieses Gespräch.

Zum Weiterlesen: Tsunami: Neue Häuser, neue Hoffnung
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Weitere Informationen zu Access for All Sri Lanka

Die Kampagne Access for All wurde von der Disability Organizations Joint Front (einem Dachverband von 18 Organisationen, deren Mitglieder Menschen mit Behinderungen sind), der Spinal Injuries Association, von Motivation, der CBM, John Grooms, Handicap International und dem Gesundheitsministerium (Abteilung für Jugendliche, Senioren, Menschen mit Behinderungen und Vertriebene) ins Leben gerufen.

Ihr Ziel besteht darin, ein Land wiederaufzubauen, das keine Barrieren mehr hat: Alle öffentlichen Gebäude, Verkehrsmittel, Arbeitsplätze, Dienste und Infrastrukturen sollen für jedermann leicht zugänglich sein. Access for All setzt sich darüber hinaus für die Berücksichtigung von Menschen mit Behinderungen in nationalen Programmen ein.

Weitere Information: Access for All website at www.accessforall.lk


Mitglieder von Access for All – Sri Lanka

Disability Organisations Joint Front

Founded in June 2001, the Disability Organizations Joint Front (DOJF) is the first and only umbrella body for disabled people’s organisations in Sri Lanka. DOJF aims to enable disabled people’s organisations (DPOs) to work jointly as a pressure group to promote and protect the rights of persons with disabilities, ensuring them a free and independent life. There are at present 18 member organizations from various parts of the country. These organizations represent people with physical, intellectual, visual and hearing impairments.

Disability Organizations Joint Front - www.dojf.org

Spinal Injuries Association

Motivation
Motivation Sri Lanka - www.motivationsrilanka.org
Motivation UK - www.motivation.org.uk

CBM
CBM Website (Home)

Handicap International
www.handicap-international.org.uk - www.handicap-international.org.uk

YEDD (Youth Elderly Disabled Displaced unit)

John Grooms